Hans Heinz Holz

Hans Heinz Holz

1927–2011

Erkennen, um die Welt zu verändern

Gespräch mit Prof. Hans Heinz Holz (1996)

UZ: Heute bist du ein international angesehener Philosoph, Bücher von dir sind in verschiedenen Sprachen erschienen. Du warst bis vor kurzem Präsident der Internationalen Gesellschaft für dialektische Philosophie, deren Ehrenpräsident du heute bist. Wie bist du zur Philosophie gekommen?

H. H.: Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, die durch die großen politischen Erschütterungen des Faschismus und des Zweiten Weltkrieges geprägt war. Da wurde man wach für die Geschichtliches, Politisches. So galt mein frühes Interesse seit meinem zehnten Lebensjahr der Geschichte. Im Laufe der Jahre wurde mir dann die Vermittlung des bloß Tatsächlichen zuwenig. Ich wollte begreifen, nicht nur was und wie es geschehen ist, sondern auch, warum es geschehen ist. Die Frage nach Gründen und Prinzipien hat mich auf philosophische Probleme geführt.

Da hättest du geradesogut Soziologie oder Ökonomie wählen können.

Allgemein weltanschauliche Zusammenhänge, das Verhältnis von Geschichte und Natur, von Geschichte und Moral beschäftigten mich, also die Frage nach den ersten Ursachen und Gründen, wie Aristoteles sie am Anfang der „Metaphysik“ stellt, und die hinter einzelwissenschaftliche Erkenntnisse zurück auf das Ganze führen. Das hat mich gepackt, nicht wieder losgelassen. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr war es für mich sicher, daß ich Philosophie studieren würde.

Wenn einer Philosophie studiert und aus großbürgerlichem Hause stammt wie Du, ist es doch immer noch ein weiter Weg bis hin zum Marxismus?

In meiner Familie hatte ich von Marx nichts gehört. Mein innerer Widerstand gegen den Nazismus war ein Widerstand bürgerlicher Moralität. Ich habe miterlebt, wie in Frankfurt die jüdischen Geschäfte zerschlagen wurden, die Synagogen brannten. Und ein ganz enger Freund der Familie wurde auf offener Straße erschlagen. Meine Empörung über das Unrecht war groß. Ich haßte die Nazis. So kam ich dann später als Schüler dazu, Flugblätter herzustellen. Als ich dann 1943 von der Gestapo verhaftet wurde, saß ich mit einem jungen kommunistischen Arbeiter in der gleichen Zelle. Dort hörte ich zum ersten Mal von Marx, dort begriff ich die Klassenstruktur unserer Gesellschaft, den Klassenkampf. Sofort nach der Befreiung 1945, als ich mit meinem Studium begann, habe ich diese Kenntnisse des Marxismus schrittweise vertieft. Doch ich muß sagen, als ich 1945 die kommunistische Studentengruppe in Frankfurt gründete, war ich keineswegs schon Marxist im strengen Sinne. In einem langen Lernprozeß, durch theoretisches Studium und durch Teilnahme an den politischen Kämpfen dieser Zeit, haben sich dann meine Einsichten vertieft und entwickelt. Zwei Jahre lang bin ich danach Korrespondent der Parteizeitungen bei den Zweizonenbehörden gewesen, habe eng mit Fritz Rische zusammengearbeitet, oft mit Max Reimann gesprochen, unter Emil Carlebach die VVN-Mitteilungen redigiert. Da habe ich viel gelernt.

Aber wie verbindest du dieses politische Engagement mit der Philosophie?

Die Rationalität der Philosophie hat sich im Marxismus mit politischem Engagement für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung verbunden, so daß sich die Erkenntnis von Zusammenhängen in der Welt und das handelnde Eingreifen in diese Welt miteinander verknoteten.

Wenn ich Dich recht verstehe, hat Dich also die Philosophie strenges und systematisches Denken gelehrt. Und daher ist es wohl ganz verständlich, daß man dir nachsagt, du seist ein unerbittlich systematisch argumentierender – vielleicht auch dogmatischer – Marxist.

Das mag richtig sein. Die Strenge der Systematik ist die Stärke einer Theorie. Doch gibt es keine Philosophie, die in ihrer Systematik nicht immer zugleich die Elemente der Weiterentwicklung in sich trägt. Das heißt, es gibt auch keinen ein für allemal festgeschriebenen Marxismus. Die von Marx, Engels und Lenin gewonnenen Erkenntnisse sind die Grundlagenelemente, von denen aus jeweils in einer neuen historischen Situation – und mittlerweile sind ja 130 Jahre vergangen, seit Marx das „Kapital“ schrieb – mit dem dort zur Verfügung gestellten Instrumentarium weitergedacht werden muß. Also, jeder Marxist, der ein guter Marxist ist, unterwirft sich nicht einem fertigen System, sondern ist ein Mitentwickler des Systems.

Das heißt also, jeder darf mit dem Marxismus experimentieren?

So leichtfertig habe ich das nicht gemeint. Jede Theorie, jede Weltanschauung hat einen Kern von Erkenntnissen und Aussagen, ein Aufbauprinzip und eine Argumentationsstruktur, die man nicht verändern kann, ohne daß die Sache selbst eine andere würde. Daran muß festhalten, wer weiter mit dieser Theorie arbeiten will. Aber natürlich verändern sich die besonderen Umstände, so ist z. B. die Lehre vom Klassenkampf unverzichtbarer Bestandteil des Marxismus. Wie aber heute die Arbeiterklasse zu definieren ist, unterliegt dem Wandel der Produktionsweise in der wissenschaftlichtechnischen Revolution.

Ein Schwergewicht deiner Forschung gilt Leibniz. Du hast zwei Bücher und viele Aufsätze über ihn geschrieben und zudem drei Bände seiner Werke übersetzt und herausgegeben. Warum gerade Leibniz?

Was an Leibniz fasziniert, ist die ungeheuere Weite und Progressivität seines Denkens. Er hat ja nicht nur auf einem Spezialgebiet der Philosophie oder der Mathematik oder der Jurisprudenz bahnbrechende Leistungen vollbracht, sondern all das und dazu das Ganze zu einem umfassenden Denkmodell zusammengefaßt. Jede seiner Tätigkeiten läßt sich aus dieser Mitte seines philosophischen Denkens deuten. Ich glaube, ich habe in meinen Arbeiten zeigen können, daß die herkömmliche idealistische Interpretation durch die bürgerliche Philosophiegeschichte am Wesen seines Denkens vorbeigeht. Leibniz war ein universalistischer Geist, für den Philosophie immer zugleich auch eingreifendes Handeln in die Welt bedeutete. Daß er als der Gründer der Berliner Akademie in ihr Wappen theoria cum praxi – Theorie mit Praxis – schrieb, ist ein Programm, das sich aufs nächste mit dem Programm marxistischer Philosophie verbindet. Theorie mit Praxis ist auch meine Lebensdevise.

Nun ist eben auch ein dreibändiges Werk zur ästhetischen Theorie der bildenden Künste von dir erschienen. Du warst früher viele Jahre als Kunstkritiker tätig, hast Künstlermonographien geschrieben, bist auch Autor des theoretischen Textes zum Katalog der documenta 5 in Kassel, die 1972 großes Aufsehen erregt hat. Auch Kunst ist ein Feld, in das du viel Arbeitskraft investierst und das dir wohl auch persönlich viel bedeutet.

Meine Liebe zur bildenden Kunst ist zu einem großen Teil in meiner Kinderzeit angelegt worden durch meine Mutter, die selbst künstlerisch tätig war und mir die Augen für das Sehen von Formen geöffnet hat. Aber es gibt auch einen systematischen Grund: Philosophie ist die Darstellung von Zusammenhängen in Form von Begriffen. Philosophie ist unsinnlich. Sie bewegt sich auf der Ebene einer hohen Abstraktion. Was uns unsere persönliche Erfahrung zeigt, sind aber die sinnlich wahrnehmbaren Einzelheiten. In ihnen ist zwar das Allgemeine wirksam – z. B. der Klassencharakter in einem Individuum – aber das Einzelne tritt uns doch immer in unmittelbarer Anschaulichkeit entgegen. Deshalb ist künstlerische Gestaltung, in der ein Allgemeines auf der Ebene der Sinnlichkeit und nicht des Begriffs erkennbar ist, eine notwendige Ergänzung der Philosophie. Philosophie und Kunst stehen so in einer Art komplementärem Verhältnis zueinander. Philosophische Einsichten berühren uns über die sinnliche Erfaßbarkeit im Kunstwerk auch auf einer emotionalen Ebene, die mit der reinen Begrifflichkeit nicht möglich ist.

Dein großes theoretisches Engagement hat dich aber nie daran gehindert, auch politische Arbeit zu leisten.

Man denkt nicht allein wegen des Vergnügens am Denken. Man denkt um der Erkenntnis dieser Welt willen, damit wir sie auf Grund richtiger Erkenntnis verbessern können. Wenn man nun das Denken zu seinem Beruf macht, ohne an seiner ursprünglichen Funktion der Welt- und Lebensgestaltung und der Verbesserung der Welt festzuhalten, dann hat man den Zweck seines Denkens verfehlt. Das hat mich dazu geführt, Philosophie immer auch als ein Moment von Politik zu betreiben, Politik aber auch immer nur mit philosophischen Prinzipien betreiben zu wollen. Ob einem das immer gelingt, ist eine andere Frage. Aber ich halte Lenins Einsicht für vollkommen überzeugend, daß eine richtige Politik immer nur auf der Grundlage einer richtigen Theorie geleistet werden kann. Es braucht den politisch engagierten Wissenschaftler, wir haben davon viel zu wenige. Politische Organisationsfähigkeit, politische Einsatzbereitschaft haben viele Menschen, und ihnen hilft die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, die Kategorien und Konzeptionen erarbeiten. Wir leben, wie Brecht sagte, im wissenschaftlichen Zeitalter.

Kannst du etwas mehr über dieses politische Engagement sagen?

Gleich nach der Befreiung habe ich als 18jähriger in den Antifa-Komitees in Frankfurt mitgearbeitet. Dann begannen die Kämpfe gegen die deutsche Wiederbewaffnung, für die Einheit Deutschlands und gegen die Spaltung, die von der Adenauer-Regierung betrieben wurde. Dann ging es gegen die Atombewaffnung, gegen die Notstandsgesetze, die Berufsverbote, dann um die Erhaltung demokratischer Prinzipien und die Bewahrung des antifaschistischen Geistes des Grundgesetzes.

1989 brach die Sowjetunion zusammen. Zwei Jahre später schon erschien dein Büchlein, „Niederlage und Zukunft des Sozialismus“ – inzwischen in zwei deutschen Auflagen, in zwei Auflagen in den USA, in einer italienischen Ausgabe und einer in Indien. Es schien, als hätte dich der Zusammenbruch der sozialistischen Staaten nicht im geringsten verunsichert?

Die Unbeirrbarkeit meiner politischen Haltung entspringt der theoretischen Einsicht, daß der Sozialismus die geschichtliche Alternative zum Kapitalismus ist. Daß der erste Versuch, ein sozialistisches Gesellschaftssystem zu errichten, gescheitert ist, hat viele Ursachen. Man muß sie untersuchen. Aber das Scheitern dieses Versuchs widerlegt den sozialistischen Gesellschaftsentwurf nicht grundsätzlich. Auch dafür habe ich Gründe angegeben. Und daher gab es 1989 für mich überhaupt keine Zweifel, wo meine politische Position ist. Diese theoretische Sicherheit hat wohl auch die Leser beeindruckt.

Welche politischen Probleme hältst du heute für die drängendsten und schwerwiegendsten?

Die unter dem Kapitalismus wachsende Verelendung großer Teile der Menschheit. Die immer größer werdende Machtkonzentration in der Verfügungsgewalt des Kapitals. Die katastrophale Zerstörung unserer Umwelt, die zum erstenmal in der Menschengeschichte das biologische Überleben in Frage stellt. Die Desinformation und Gleichschaltung durch die Medien und der allgemeine Bildungsabbau, was den allmählichen Verlust des selbständigen und kritischen Denkens der Menschen bedeutet.

Wie siehst du die Rolle der DKP?

Die DKP ist gegenwärtig die Organisation einer kleinen Minderheit. Solange die Masse der Menschen in unserem Lande, auch die Arbeiterklasse, die Gründe und Funktionsmechanismen der allgemeinen Krise des Kapitals noch nicht durchschaut, ist eine der Hauptaufgaben von Kommunisten die politisch-theoretische Bildungsarbeit. Diese ist natürlich nicht nur Theoriearbeit, sondern muß aus den Erfahrungen des täglichen politischen Kampfes um Arbeitsplätze, Lebensstandard, Umweltschutz, Demokratie und Bildung ihre Erkenntnisse gewinnen und praktisch umsetzen. Darum sollte die Partei alle Initiativen und Bewegungen unterstützen, die sich gegen die Herrschaft der Kapitalinteressen wenden. Sie muß in dieser Zusammenarbeit – und das ist entscheidend – ihre politischen Einsichten vertreten und zur Geltung bringen, um langfristig für ihre Politik Unterstützung zu finden.

Bei dir scheint alles aus einem Kern heraus zu geschehen?

Dieser Kern ist die Konzentration auf die zentralen philosophischen Prinzipien des Weltgeschehens. Sowohl als Dialektik der Natur, als Naturgeschichte wie auch als Menschheitsgeschichte. Daß dies alles aus einer gemeinsamen Struktur gedacht werden muß, das macht das Wesen der Philosophie im Unterschied zu den Einzelwissenschaften aus. Die Philosophie denkt aus dem Ganzen heraus. All mein Tun, sei es publizistisch, politisch, kunstgeschichtlich, philosophisch kommt aus der gleichen Wurzel: dem philosophischen Modell der materiellen Dialektik, das die so mannigfaltig erscheinende Welt in ihrer Bewegung und Veränderung aus einem Zentrum erfaßt. Aus diesem Zentrum heraus arbeite, denke und engagiere ich mich. Aus diesem Zentrum heraus handle ich auch.

In diesen Tagen wirst du 70. Aus diesem Anlaß erscheint eine Festschrift mit Beiträgen von Kollegen aus verschiedenen Ländern. Sie enthält auch eine Liste all deiner wissenschaftlichen Publikationen. Es sind fast 500 Titel aus Philosophie, Kunsttheorie und Politik.

Alles, was ich gemacht habe, ist ein Teil meines öffentlichen Engagements. Ich habe immer mein wissenschaftliches Denken, meine wissenschaftliche Arbeit mobilisiert, um damit in der Welt etwas zu bewirken. Wenn ich nichts hätte bewirken wollen, hätte ich auch nicht so viel getan. Dann wäre ich vielleicht bei einem wissenschaftlichen Thema geblieben und hätte dieses in größter Geruhsamkeit weiter ausgearbeitet, wäre vielleicht mein Leben lang Leibnizforscher gewesen und nichts sonst. Aber gerade weil ich in jedem Denkergebnis die Konsequenzen für das Ganze sehe, könnte ich mich nicht im Elfenbeinturm der Gelehrsamkeit verschließen, sondern mußte mich in der gesellschaftlichen Praxis engagieren, wo ich gefordert wurde. Viele neue Entwicklungen in der Welt erfordern unsere Antworten, z. B. der Zusammenhang zwischen Ökologie und Sozialismus. Wir müssen der Krise des Kapitalismus eine politische Alternative entgegensetzen können. Und daher steht in den nächsten Jahren vor allem auch die Ausarbeitung einer Sozialismuskonzeption auf der Tagesordnung, die diese Aufgabe zu lösen versucht.

Die Zukunft unserer Gesellschaft ist für junge Menschen wenig hoffnungsvoll. Es scheint, daß man gegen das System anonymer Mächte nur schwer etwas tun kann. Was sagst du heute 20jährigen, wie sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen können?

Nur wer begreift, wie Herrschaft und Ausbeutung funktionieren, wird seinen Weg finden können. Darum ist es ganz wichtig, sich der Ablenkung in die Banalität und ins bloß Private zu entziehen, wie sie durch Medien und Freizeitindustrie betrieben wird. Also: Lernen, lernen, lernen – Lenins Parole für die Komsomolzen. Und sich organisieren, nicht nur für die eine oder andere gute Initiative, sondern dauerhaft für die Veränderung der Gesellschaft. Der Weg, der heute vor jungen Menschen liegt, wird schwer sein, aber wenn sie nicht politisch handeln, werden sie die hilflosen Opfer dieses Systems sein. Welchen Sinn unser Leben hat, spüren wir nur, wenn wir uns einsetzen.

Die Fragen an Hans Heinz Holz stellte für die UZ Silvia Holz-Markun.
UZ, 16. Juni 2000